Eines Tages will er Gruppenleiter sein

Vom jungen Mann mit ungewisser Zukunft zum Logistik-Mitarbeiter mit Perspektiven: Als erster Flüchtling hat Henok Afewerki nach der Integrationsvorlehre und Ausbildung bei der Post eine Festanstellung erhalten. Sein Beispiel wird Schule machen, ist der Logistik-Ausbildungsleiter der Post überzeugt. Und der Eritreer Afewerki will nun vor allem eines: «Gas geben.»

Vor dem Fototermin in der Kantine zieht er den Reissverschluss hoch. Streicht die Arbeitsjacke glatt und lächelt. «Sieht das so gut aus?» Man merkt rasch: Hier legt jemand Wert auf Aussenwirkung. Später wird Henok Afewerki sagen, dass er die Arbeitskleider der Post mit Stolz trägt. «Das Unternehmen hat mir so viel ermöglicht. Ich bin dafür sehr dankbar.»

Afewerki ist Eritreer. Und der erste Flüchtling in der Schweiz, der nach einjähriger Integrationsvorlehre und zweijähriger Logistikerausbildung mit Eidgenössischem Berufsattest EBA (siehe Infobox) bei der Post eine Festanstellung erhalten hat. Seit dem 1. August 2019 arbeitet der 24-Jährige als Logistiker EBA im Paketzentrum Härkingen. Sortiert Pakete, bedient Maschinen, entlädt, belädt – es ist harte körperliche Arbeit, das Tempo ist hoch, je nach Arbeitsplan dauert eine Schicht bis tief in die Nacht. «Henok packt gut mit an und ist tüchtig», lobt Philipp Schneeberger, Afewerkis Chef. Einzig die Sprache sei ab und an noch ein Hindernis. «Aber das wird schon», so der Gruppenleiter.

Bilder: Erich Goetschi | Schweizerische Post

Bilder: Erich Goetschi | Schweizerische Post

«Die nächste Stufe» bereits im Blick
Manchmal, sagt der 24-jährige Eritreer, staune er selber. Tatsächlich mutet sein Weg wie eine Weihnachtsgeschichte mit Happy End an. Vor sechs Jahren war Afewerki ein Flüchtling, der auf abenteuerlichen Routen und nach vielen Strapazen in die Schweiz gelangte. Nun ist er Angestellter mit fixem Einkommen und einer Wohnung, der in der Schweiz Steuern zahlt. Zwischen 2013 und heute liegen Welten. Eltern und Verwandte freuten sich zwar sehr über seinen Werdegang in der fernen Schweiz, sagt er. Aber wenn er ihnen am Telefon von seiner Arbeit als Logistiker erzähle, werde es kompliziert. «Sie können sich schlicht nicht vorstellen, was ich hier tue, weil es diesen Beruf in Eritrea so nicht gibt.» Umso klarer sind Afewerkis Vorstellungen, was seine Zukunft im Paketzentrum Härkingen angeht: gut arbeiten, jeden Tag dazulernen, sich bewähren. «Die nächste Stufe nehmen», wie er sagt, was schon ziemlich schweizerisch tönt. «Ich will Gas geben.»

Solche Worte freuen Roland Scheidegger, Ausbildungsleiter Grundbildung Logistik und Unterhalt der Post. Afewerki sei ein Vorbild für andere und stehe stellvertretend dafür, dass Integration gelingt, wenn die richtigen Leute am richtigen Ort sind. Und das Beispiel zeige, dass die Post als drittgrösste Arbeitgeberin der Schweiz ihre soziale Verantwortung wahrnehme. «Wir lassen Worten Taten folgen». Dass die Post verschiedene Ausbildungsberufe in der Logistik unter ihrem Dach vereint, hilft bei der Integration, weiss  Scheidegger aus Erfahrung. «Und die Leute finden so einfacher berufliche Anschlussmöglichkeiten. Aktuell ermöglicht die Post 13 jungen Menschen mit Flüchtlingsstatus eine Integrationsvorlehre. Danach absolviert ein grosser Teil die Logistikerausbildung mit Eidgenössischem Berufsattest EBA oder hat diese wie Afewerkis Landsfrau Arsema Habte bereits erfolgreich abgeschlossen. Nachwuchs, den die Post gut gebrauchen kann. «Es ist eine tolle Sache und ein lehrreicher Abschnitt für alle Beteiligten», ist Scheidegger überzeugt.

«In diesem Land kann man alles machen»
Dass die Post ein grosser Laden ist, weiss Henok Afewerki längst. Das Unternehmen biete viele berufliche Perspektiven, sagt er, vor allem auch im boomenden Logistikbereich. «Eines Tages Gruppenleiter sein, das ist mein Traum.» Vorerst aber steht beim jungen Mann, der einst Automechaniker gelernt hat, die Arbeit in der Nacht mag und leidenschaftlich gerne schwimmt, Privates an: Im Oktober hat er in Äthiopien geheiratet, der Familiennachzug will organisiert sein. Wenn alles klappt, lebt seine Frau in rund einem halben Jahr auch in der Schweiz. Hier hat Henok Afewerki Fuss gefasst. Was ihm hier am meisten gefällt? «Die Freiheit. In diesem Land kann man alles machen.»
Sagts. Und lächelt wieder.

Die Post geht mit gutem Beispiel voran

  • Bei der Ausbildung von Flüchtlingen hat die Post eine Vorreiterrolle. Seit 2016 bietet sie Flüchtlingen und Menschen mit Migrationshintergrund die einjährige Vorlehre (Invol) als Logistiker an – in Zürich-Mülligen, Härkingen und seit Sommer 2018 in Eclépens
  • Rund 30 Flüchtlinge haben die Invol bereits absolviert. Wer sie mit guten Leistungen abschliesst, kann danach die zweijährige Lehre zum Logistiker EBA (Eidgenössisches Bundesattest) in Angriff nehmen
  • Partner der Post bei beiden Ausbildungen ist das Staatssekretariat für Migration (SEM)
  • Integration und kulturelle Vielfalt ist der Post wichtig. Hier setzt das interne Netzwerk für Sprachen- und Kulturenvielfalt MOSAICO an. Es bietet Mitarbeitenden über Regionen und Sprachgrenzen hinweg eine informelle Plattform. Dabei können sie sich quer durch alle Bereiche vernetzen und die Integration und Entwicklung von Minderheiten bei der Post fördern.
  • Zusammen mit dem Personalfonds der Post organisiert MOSAICO auch den postinternen Dialoganlass «Human Living Library». Dabei tauschen sich Mitarbeitende mit Migrationshintergrund mit anderen Mitarbeitenden der Post aus. Das letzte Podium fand am 27. November statt – unter anderem mit Henok Afewerki.

 

 

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