Dieser 40-Tönner fährt rein elektrisch – und für die Post

Der Verbrauch fossiler Ressourcen? Null. Der Strom? Kommt vom eigenen Dach. Das Geräusch: Surren statt Brummen. Der erste E-40-Tonnen-Lastwagen des Landes ist im Auftrag der Post in der Ostschweiz unterwegs. Ob das in der Praxis funktioniert? Ein Augenschein vor Ort.

Im Paketzentrum Frauenfeld. Hier dockt der E-Laster jeweils an.

Im Paketzentrum Frauenfeld: Hier dockt der E-Laster von Hugelshofer im Auftrag der Post jeweils an. | Bilder: Erich Goetschi

Und dann startet Stephan Gehrig den Koloss. Und in der Führerkabine zu hören ist: Ein leises Surren, kaum vernehmbar. Erst, wer das Fenster runterlässt, merkt: Hier läuft ein Motor. Doch der Lärm ist bedeutend leiser als bei einem herkömmlichen Laster. «Daran muss man sich erst einmal gewöhnen», lacht Gehrig. Der Chauffeur sitzt hinter dem Steuer eines 40-Tonnen-Sattelzugs, der rein elektrisch durch die Gegend fährt – dem ersten in der Schweiz.

Projekt mit Potential
Seit Anfang Juni befördert der E-Laster der Thurgauer Logistikgruppe Hugelshofer für die Post in der Nacht Pakete von Frauenfeld nach St. Gallen, Gossau und Schaffhausen. Ein Pilotprojekt und eine Win-Win-Situation. Hugelshofer – das Ostschweizer Transportunternehmen hat mit MAN Truck & Bus Schweiz AG und einer weiteren Firma den Sattelzug umgebaut – will im Bereich alternativer Antriebskonzepte Erfahrungen sammeln. Für die Post wiederum hat E-Mobilität eine hohe Priorität. So ist sie seit Neustem mit elf neuen E-Lieferwagen in der Paketzustellung unterwegs – und die Flotte wird weiter ausgebaut. Ausserdem gilt die Post als verlässliche Partnerin für ihre externen Logistikdienstleister. Und darauf ist Hugelshofer für Einsatz des E-Trucks angewiesen. Denn nur bei einer hohen Auslastung des Fahrzeugs kann Martin Lörtscher, Geschäftsführer und Verwaltungsrat der Hugelshofer Logistik AG, der Elektromobilität in der hartumkämpften Transportbranche eine Chance geben.

«Der E-Sattelzug ist eine gute Sache», sagt Thomas Ernst, Leiter Nationale Transporte und Beschaffung von PostLogistics. Je mehr elektrische Lastwagen kursierten, umso mehr wirke sich das positiv auf die Wahrnehmung in der Öffentlichkeit und positiv auf die Umwelt aus. Für Letzteres sprechen die errechneten Zahlen. Im jährlichen Betrieb vermeidet der E-Laster bei 60 000 gefahrenen Kilometer 70 Tonnen CO2, spart 17 700 Liter Treibstoff und 70 000 Franken leistungsabhängige Schwerverkehrsabgabe (LSVA), da diese aktuell für E-Laster entfällt. Nur: Ein lohnendes Geschäft sei dies noch lange nicht, bemerkt Hugelshofer-Chef Lörtscher. «Dafür sind die Kosten für die Anschaffung schlicht zu hoch.» Aber das Projekt habe Potential.

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Noch viele Fragen offen
Das Design des umgebauten LKWs ist bewusst in grün gehalten. Doch als «grünen Anstrich» will CEO Martin Lörtscher das neue Flaggschiff des Unternehmens nicht verstanden haben. Bereits 1942 hat seine Firma mit einem elektrisch betriebenen Traktor herumexperimentiert. Die Suche nach Lösungen für mehr Effizienz und geringere Emissionen waren schon immer Teil der Firmenkultur. Aber ob sich der Elektromotor am Ende als Antriebskonzept durchsetzt? Da sei es noch zu früh für ein Urteil, sagt Lörtscher. Derzeit tastet man sich an den neuen E-Laster heran. Reichweite, Fahrverhalten, Witterungseinflüsse – noch gilt es zahlreiche Fragen zu klären.

Anderes ist bereits geklärt. Chauffeur Stephan Gehrig hat bereits seine Fahrweise geändert. Er muss den E-Brummi anders lenken als einen Diesel-Laster: mit feineren Händen, vorausschauender, die sogenannte Rekuperation ausnutzend, wenn durch Bremsen wieder Energie gewonnen wird und ins System zurückfliesst. Schliesslich ist der E-40-Tönner mit einer Reichweite von 150 bis 200 Kilometer auch eine Art Kraftwerk. Das alles fasziniert und interessiert den 51-Jährigen. Für die Firma ist ein Chauffeur wie Gehrig, der sich für die Technik und das Fahrverhalten interessiert, ein Glücksfall. Denn: «Sie können nicht jeden Fahrer hinter dieses Steuer setzen», sagt Martin Lörtscher.

Hier schliesst sich der Kreis
Chauffeur Gehrig hat unterdessen seinen neuen Lieblings-LKW auf der Hugelshofer-Basis geparkt. Die Batterie, deren Lebensdauer auf fünf Jahre ausgelegt und vertraglich abgesichert ist, muss wieder an den Strom. Dieser kommt von der hauseigenen Photovoltaik-Anlage auf dem Dach. Hier schliesst sich der Kreis. Rund fünf Stunden dauert die Ladung an der normalen Industriesteckdose, dann ist der «Tank» wieder voll. Und auf gehts zur nächsten Pakettour für die Post.

 

Der E-LKW für Technik-Fans

Modell: MAN TGX 4×2 LLS mit XLX-Fahrerhaus
Leistung E-Motor: 350 kW (475 PS)
Drehmoment: 3400 Nm
Batterie: Aus Lithium, Eisen, Phosphat, 270 kWh Gesamtkapazität
Ladedauer: 45 Minuten mit DC-Schnellladung, 5-6 Stunden mit CEE-Industriesteckdose
Reichweite: Je nach Topographie 150 bis 200 km ohne Zwischenladung