„Bei ungleichen Löhnen ist jeder Prozentpunkt einer zuviel.”

Ab morgen, 1. Juli 2020, tritt das angepasste Gleichstellungsgesetz in Kraft. Die neue Verordnung verpflichtet Unternehmen mit mehr als 100 Mitarbeitenden, innerhalb eines Jahres eine Lohngleichheits-Analyse durchzuführen. «Die Post hat in den letzten Jahren bereits drei solche Studien durchgeführt und die Lohngleichheit zwischen Frauen und Männern stetig verbessern können», sagt Valérie Schelker. Die Personalchefin der Post erklärt im Interview, warum die Post so grossen Wert auf Gleichstellung legt. Sie sagt aber auch, was noch zu tun bleibt.

Post-Personalchefin Valérie Schelker

 

Hand aufs Herz, Valérie Schelker: Würde Valerius Schelker als männlicher Personalchef der Post nicht wesentlich mehr verdienen als Sie?

Valérie Schelker: Nein. Aus einem einfachen Grund: die Sensibilität für das Thema ist in den strategischen Gremien der Post verankert und damit auch breit abgestützt.

 

Die Post hat 2018 bereits zum dritten Mal freiwillig eine Lohngleichheitsstudie durchgeführt. Mit welchem Ziel?

Die Post setzt sich seit Jahren gegen jegliche Diskriminierung und für gleiche und faire Anstellungsbedingungen ein. Wir engagieren uns stark für die Lohngleichheit zwischen Männern und Frauen. Und dies mit Erfolg: Die Studien zeigen, dass die Post die unerklärbare Lohndifferenz zwischen den Geschlechtern in den letzten Jahren stetig hat senken können. Seit der letzten Analyse 2016 konnte sich die Post um 1.5%-Punkte verbessern.

 

Diese unerklärbare Lohndifferenz beträgt bei der Post -2,2 %. Ein positiver Wert im Vergleich zur Schweizer Wirtschaft, wo der Wert -7.7% beträgt.

Aber auch -2.2% sind noch zu viel. Da ist jeder Prozentpunkt einer zu viel. Und genau deshalb setzen wir uns bei der Post weiterhin aktiv für die Lohngleichheit ein: Wir sensibilisieren unsere Führungskräfte – insbesondere für den Rekrutierungsprozess. Wir haben ein transparentes Lohnsystem und nutzen die jährlichen Lohnmassnahmen bewusst, um Ungleichheiten zu verringern. Zudem hat die Post in Zusammenarbeit mit den Sozialpartnern im letzten Herbst die Meldestelle www.post-courage.ch für Fälle von Lohnungleichheit ins Leben gerufen. Und nicht zuletzt haben wir in den letzten Monaten einen neuen GAV verhandelt, der den Themen Gleichstellung und Lohngleichheit einen wichtigen Stellenwert einräumt (siehe Kasten).

 

Ist diese «unerklärbare Lohndifferenz» effektiv nicht erklärbar?

Eine Hypothese ist, dass Frauen bei der Anstellung schlechter verhandeln als Männer. So weist eine Studie aus Deutschland nach, dass Studentinnen 5300 Euro weniger Anfangslohn verlangen als ihre männlichen Studienkollegen. Bei der Post sind die noch verbleibenden Lohndifferenzen vor allem auf unsere lange Geschichte zurückzuführen. Früher gab es bei der Post automatische Lohnanstiege, was auch dazu geführt hat, dass heute noch einzelne langjährige Mitarbeitende Löhne erhalten, die deutlich über den Löhnen des internen und externen Markts sind. Da diese Mitarbeitenden nichts dafürkönnen, können wir ihnen nicht einfach den Lohn kürzen. Wir versuchen diese Lücke vor allem über die Neuanstellungen und bei organisatorischen Veränderungen diese zu verkleinern. Und dort dank einem transparenten Lohnsystem keine unerklärte Lohndifferenz zuzulassen und die Lohngleichheit sicherzustellen.

 

Was liegt Ihnen besonders am Herzen – als Personalchefin der Post, aber auch als Frau im Topkader?

Ich wünsche mir, dass wir auf allen Stufen der Kadermitarbeitenden weiterhin daran arbeiten, gemischte Teams zu fördern. Und damit meine ich nicht nur die sichtbaren Aspekte der Vielfalt wie das Geschlecht, die Sprache oder das Alter, sondern auch den Erfahrungshintergrund, die Persönlichkeiten und damit ebenso die unterschiedlichen Denkweisen.

 

Gleichstellung wird bei der Post grossgeschrieben

  • Der neu verhandelte GAV (gültig ab 2021) räumt der Gleichstellung einen wichtigen Stellenwert ein: Lohngleichheit, familienfreundliche Anstellungsbedingungen, Vereinbarkeit von Beruf und Privatleben sowie Schutz vor Diskriminierung sind wichtige Punkte.
  • Als Vorreiterin punkto Lohngleichheit ist die Post Teil der heute von Travail.Suisse lancierten Plattform RESPECT8-3.CH
  • Seit 2009 analysiert die Post die Löhne und sorgt damit für Lohntransparenz – neu bereits bei der Stellenausschreibung.
  • Im November 2019 hat die Post die «Charta für Lohngleichheit im öffentlichen Sektor» des Eidgenössischen Departements des Inneren unterzeichnet.
  • Seit Herbst 2019 können die Mitarbeitenden der Post Lohndiskriminierungen auf der Online-Plattform post-courage.ch anonym melden.
  • Mit gezielten Massnahmen wie Nachfolgeplanung in Führungsfunktionen, Mentoringprogrammen, Teilzeit-/TopSharing-/JobSharing-Möglichkeiten wirkt die Post darauf hin, den Frauenanteil im oberen und TopKader kontinuierlich zu steigern, um konzernweit ein ausgeglichenes Geschlechterverhältnis zu erreichen

 

Valérie Schelker, Leiterin Personal der Schweizerischen Post

Die 48-jährige Valérie Schelker lebt in Partnerschaft in der Stadt Bern und in Toffen. Nach diversen Leitungsfunktionen bei PostFinance ist sie seit April 2017 Personalchefin der Schweizerischen Post. Wenn sie mal nicht für die Gelbe Welt im Einsatz ist, mag sie Kochen, Gärtnern und Lesen.